Leben, Kultur und Traditionen eines der interessantesten brasilianischen Indianerstämme des Amazonas

Geheimnisse des Amazonas: Die Sateré-Mawé am Rio Marau

Stammesmitglieder beim traditionellen Initiationsritus „Dança da Tucandeira“ (Tanz der Riesenameise)

Stammesmitglieder beim traditionellen Initiationsritus „Dança da Tucandeira“ (Tanz der Riesenameise)

Übersicht

Die Sateré-Mawé

Die Sateré-Mawé leben in der Region des mittleren Amazonas in zwei indigenen Territorien. Das eine, TI Andirá-Marau genannt, liegt im Grenzgebiet zwischen den Bundesstaaten Amazonas und Pará und ist das ursprüngliche Territorium dieses Volkes. Eine kleine Gruppe lebt außerdem im TI Coatá-Laranjal, Territorium der Ethnie Munduruku, im Bundesstaat Amazonas, südwestlich von Manaus.

In der Region, in der sie leben, werden sie „Mawés“ genannt. Im Lauf ihrer Geschichte erhielten sie verschiedene Namen von Chronisten, Abenteurern, Missionaren und Naturalisten: „Mavoz, Malrié, Mangnés, Mangnês, Jaquezes, Magnazes, Mahués, Magnés, Mauris, Mawés, Maragná, Mahué, Magneses, Orapium“.
Sie selbst nennen sich „Sateré-Mawé“. Der erste Teil des Namens, „Sateré“, bedeutet „Feuerraupe“, eine Referenz an den bedeutendsten Clan derer, aus denen ihre Gesellschaft besteht, der traditionell die Nachfolger der politischen Führer bestimmt. Der zweite Teil des Namens, „Mawé“, bedeutet “Intelligenter und neugieriger Papagei“ und ist keine Clan-Bezeichnung.

Laut Informationen des Allgemeinen Rats des Stammes Sateré-Mawé (Conselho Geral da Tribo Sateré-Mawé - CGTSM) betrug die Gesamtpopulation der Sateré im Jahr 2014 13.350, verteilt über etwa hundert Dörfer.

 

Geschichte

Nach Erzählungen der ältesten Sateré-Mawé bewohnten ihre Vorfahren vor undenklicher Zeit das weite Territorium zwischen den Flüssen Madeira und Tapajós, im Norden begrenzt von den Inseln Tupinambaranas, am Amazonasstrom, und im Süden von den Quellen des Tapajós. Sie beziehen sich auf ihre Urheimat als „Noçoquém“, dem Ort, an dem die Helden ihrer Mythologie wohnten. Sie geben an, dass er sich auf dem linken Ufer des Tapajós befinde, in einem Gebiet mit dichtem, steinigem Wald.

Die Sateré-Mawé kamen zum ersten Mal in Kontakt mit Weißen zur Zeit der Aktionen der Jesuskompanie – als die Jesuiten die Mission „Tupinambaranas“ im Jahr 1669 gründeten.

Ab dem Kontakt mit den Weißen – und auch schon vorher, wegen der Kriege mit den Munduruku und den Parintintin – wurde das ursprüngliche Territorium der Sateré-Mawé empfindlich reduziert. Im Jahr 1835 explodierte die Cabanagem-Revolution in Amazonien, der bedeutendste Eingeborenen-Aufstand in Brasilien. Die Munduruku und Mawé (der Flüsse Tapajós und Madeira) und die Mura (vom Rio Madeira), sowie indigene Gruppen vom Rio Negro, schlossen sich den Aufständischen an, die sich erst 1839 ergaben. Epidemien und gnadenlose Verfolgung der indigenen Alliierten verwüsteten riesige Gebiete Amazoniens, vertrieben diese Gruppen aus ihren traditionellen Territorien und reduzierten sie.

Die Besetzung Amazoniens durch die „Zivilisierten“ – mit diesem Terminus bezeichnen die Sateré-Mawé alle diejenigen, die keine Indios sind, wie sie selbst (Weiße, Mestizen, Fremde) – hat ihr traditionelles Territorium beträchtlich verringert. Zuerst waren es die Strafexpeditionen und die Jesuiten- und Karmeliter-Missionen – danach begann die Epoche einer haltlosen Ausbeutung Amazoniens nach Naturprodukten und -drogen – es folgte der Gummi-Boom mit der Latex-Ausbeutung – und schließlich die wirtschaftliche Expansion der Städte Maués, Barreirinha, Parintins und Itaituba ins Innere der Munizipien, mit der Errichtung von Fazendas, der Ausholzung von Edelholzbäumen, der Eröffnung von Goldgruben und der Abhängigkeit der Indios von den fahrenden Händlern.

1978, als der Demarkationsprozess des Indio-Territoriums erstmalig vom Staat in Angriff genommen wurde, befanden sich die Dörfer, Felder, Begräbnisstätten, Jagd-, Fisch- und Sammelterritorien zwischen und im Umfeld der Flüsse Marau, Miriti, Urupadi, Manjuru und Andirá. Die Sateré-Mawé betrachteten dieses Gebiet als das ihre, obwohl sie wussten, dass es nur eine kleine Parzelle dessen darstellte, was einst ihr traditionelles Territorium gewesen war. Aus ihrer Sicht war es ihnen gelungen, einen privilegierten Teil ihres Territoriums zu behalten.

Eine Ausbreitung der Dörfer am Ufer der Flüsse Marau und Andirá ist etwa seit achtzig Jahren im Gange, und sie erklärt sich aus den Eingriffen in das traditionelle Leben der Sateré-Mawé von Seiten der Missionen, des ehemaligen SPI und der gegenwärtigen FUNAI, sowie auch durch den Druck der fahrenden Händler und wegen der Epidemien. Alle diese Faktoren führten dazu, dass die Sateré-Mawé es vorziehen, in der Nähe der Städte Maués, Barreirinha und Parintins zu leben. Ab den Siebziger Jahren hat sich auch die Migration der Sateré-Mawé nach Manaus verstärkt.

Diese Migrationsprozesse wurden vor allem von Frauen angeführt, da sie in Manaus leichter in den Arbeitsmarkt einsteigen konnten, indem sie als Hausmädchen zu arbeiten anfingen. Ansonsten verdient sich ein Großteil dieser Bevölkerung seinen Lebensunterhalt durch den Verkauf von Kunsthandwerk an Touristen.

 

Der Alltag im Sateré Dorf

Traditionell leben die Sateré-Mawé in kleinen Kommunen, sogenannten Sitios. Dort hat jede Familie ihren Wohnraum, wo ein Feuer zum Kochen und Wärmen der Bewohner angezündet wird. Das Feuer dient außerdem dazu, die Familienmitglieder um es herum zu vereinen. Auf den Sitios haben die Familien ihre Gemeinschaftsküche, zwischen dem Haus und dem Fluss, wo die Männer Guaraná rösten und die Frauen Maniokmehl. Sie haben auch ihren Hafen, wie sie den Platz am Fluss oder Seitenarm des Flusses nennen, wo die Familie badet, Wäsche wäscht, Maniokwurzeln im Wasser einweicht und damit entgiftet, Guanará wäscht und ihre Kanus festmacht.

Auf diesen kleinen Landgütern sind alle Pflanzungen vereint, die die Familie besitzt: die Guanaráfelder und die Maniok-, Kürbis-, Yamswurzel- und Süß­kartoffel­pflanzungen sowie die Obstbäume.

Die Sateré-Mawé sind unter der Autorität des Oberhaupts der Großfamilie organisiert, der auf dem Sitio zusammen mit den Familien seiner Kinder und seiner Enkel lebt.Er organisiert die Produktion des Landguts, bestimmt die wirtschaftlichen Aktivitäten seiner Söhne und Schwiegersöhne. Er lädt Verwandte und Freunde von anderen Sitios und Dörfern ein, damit sie bei der Arbeit helfen, falls es nötig ist, und versammelt sie zu Kollektiveinsätzen. Bei diesen Gelegenheiten ordnet er an, dass gejagt, gefischt und Mehl geröstet werden soll, um die Teilnehmer dieser Kollektivarbeiten mit Lebensmitteln zu versorgen. Während der Kollektiveinsätze begleitet er persönlich die Anlegung der Maniok- und Guaranápflanzungen, die Säuberung der Felder für die Guanarápflanzungen und vor allem die Guanará-Produktion.

Aufgaben des Oberhaupts der Großfamilie sind außerdem, den Bau von Häusern und die Säuberung des Dorfes anzuordnen sowie die verschiedenen Ernten zu organisieren. Er leistet auch Beistand bei der Kommerzialisierung der landwirtschaftlichen und kunsthandwerklichen Produktion seiner Familienangehörigen.

Die Sítios sind also privater Besitz, auf dem das Land und die anderen natürlichen Ressourcen den engeren Familien gehören, die sich selbst wiederum der Autorität des Chefs der Großfamilie unterordnen, der traditionell als Herr des Sitios anerkannt wird.

So ist der Sitio im weiteren Sinne die Grundeinheit der politischen und wirtschaftlichen Organisation der Sateré-Mawé. Er kann zu einem Dorf werden, wenn die Kernfamilie anwächst oder das Oberhaupt langsam als sogenannter Tuxaua angesehen wird, als Häuptling. Dies kann geschehen, wenn er an Prestige gewinnt durch seine Großzügigkeit, seine Geschicklichkeit bei kommerziellen Transaktionen oder durch sein gutes Verhältnis zu den Tuxauas der näheren Umgebung oder zum obersten Tuxaua.

Derzeit ist die Anordnung der meisten Sateré-Mawé-Dörfer ähnlich wie die kleiner Städte in der Region. Im Dorf liegen die Häuser der Kernfamilien, ihre Küchen und Häfen wie auch ihre religiösen Stätten verschiedenster Bezeichnungen, die Schule und die Krankenstation. Wie auf den Sitios liegen in der unmittelbaren Umgebung der Dörfer die Maniokfelder, die Guanará-Pflanzungen, die Obstbäume und die anderen bepflanzten Felder, die jeder Kernfamilie gehören.

Das Guaraná ist das Spitzenprodukt der Wirtschaft der Sateré-Mawé und von seinen kommerziell verwertbaren Produkten dasjenige, welches den besten Preis auf dem Markt erzielt. Man kann sich auch vorstellen, dass die bewiesene Berufung der Sateré-Mawé zum Handel auf der wichtigen Bedeutung des Guaranás in ihrer sozioökonomischen Organisation beruht.

 

Sprache

Die Sprache Sateré-Mawé gehört zum linguistischen Stamm Tupi. Laut dem Ethnographen Curt Nimuendaju (1948) unterscheidet sie sich vom Guarani-Tupinambá. Die Pronomen stimmen perfekt überein mit der Sprache Curuaya-Munduruku und die Grammatik, wie es aussieht, stammt aus dem Tupi. Das Vokabular Mawé hingegen enthält Elemente, die dem Tupi völlig fremd sind, und hat auch keine Verbindung zu irgendeiner anderen linguistischen Familie. Seit dem 18. Jahrhundert sind in seinen Wortschatz auch viele Wörter der sogenannten Lingua Geral eingeflossen, einer gemeinsamen Sprache aller indigenen Völker Brasiliens auf der Basis des Tupi, während der Kolonialzeit auch von den Jesuiten und den Expeditionstrupps der Bandeirantes gesprochen, die auf der Suche nach Gold, Diamanten und Sklaven das Landesinnere erkundeten und erschlossen.

Die Männer sind heutzutage zweisprachig, sprechen Sateré-Mawé und Portugiesisch, doch auch nach über drei Jahrhunderten Kontakt mit den Weißen finden sich in den weiter entfernten Dörfern Frauen, die nur ihre Muttersprache sprechen.

 

Kultur und Tradition

Die Sateré-Mawé zeichnen sich durch eine reiche materielle Kultur aus, in der ihr geflochtenes Kunsthandwerk am ausdrucksvollsten ist. Es wird von den Männern aus Stängeln und Blättern der Caranã (Palmenart), Arumã (Schilfrohr) und anderen produziert, aus denen sie Siebe, Körbe, Tipitis, Fächer, Taschen, Hüte, Wände, Hüttendächer und andere Dinge fertigen.

Eine große Verehrung wird dem Porantim in der Kosmologie der Sateré-Mawé entgegengebracht. Das ist ein Stück Holz von ungefähr 1,50 Metern Höhe, mit eingravierten geometrischen Zeichnungen, die mit weißer Farbe ausgefüllt sind. Seine Form ähnelt einer Kriegskeule oder einem beschnitzten Paddel. Dem Porantim wird eine ganze Palette von Eigenschaften zuerkannt: Er ist der gesellschaftliche Regulator der Sateré-Mawé, und sie berufen sich oft auf ihn als ihre Verfassung oder ihre Bibel. Er besitzt für sie magische Kräfte, ist eine Art Kristallkugel, die Ereignisse voraussieht und selbständig Unstimmigkeiten und interne Konflikte verhindert oder beilegt. Auf ihm ist auf der einen Seite der Entstehungsmythos der Guaraná eingraviert, auf der andern der Mythos des Krieges. Für die Gesellschaft, die ihn geschaffen hat, stellt er die höchste Institution dar, die in sich die politischen, religiösen und mystischen Sphären vereinigt.

Als die Entdecker der Guaraná-Kultur verwandelten die Sateré-Mawé diese im Regenwald wachsende Kletterpflanze (Paullinea cupana), aus der Familie der Sapindaceae, in kultivierte Büsche, die sie regelmäßig anpflanzen, pflegen und abernten. Die Pflanze stammt aus dem Hochland des hydrographischen Maués-Açu-Beckens, welches einen Teil des traditionellen Territoriums der Sateré-Mawé darstellt. Sie betrachten sich selbst als Erfinder der Kultur jener Pflanze, eine berechtigte Selbstbetrachtung in ideologischer Hinsicht und nach ihrem Herkunftsmythos, der sie als „Kinder des Guaraná“ beschreibt. Heute ist Guaraná das Spitzenprodukt ihrer Wirtschaft und unter ihren kommerziell verwertbaren Produkten das, welches den höchsten Marktpreis erzielt.

Man hat beobachtet, dass während der Fabrikation des Guaraná, (ein Terminus, der von den Sateré-Mawé selbst benutzt wird), sich das gesellschaftliche Leben voll entfaltet. Der Produktionsablauf verstärkt das Zugehörigkeitsgefühl der Mitglieder dieser Gesellschaft und enthüllt auch im Alltag eine ganze Palette von Phänomenen, die in anderen Epochen des Jahres verborgen sind. Eine Periode, die sich jedes Jahr aufs Neue mit der Erntezeit des Guaraná wiederholt und den Sateré-Mawé erlaubt, mit ihrer mythologischen Genesis zu kommunizieren und sich ethnisch zu erholen.

Ritual der Tucandeira fällt zusammen mit der Guaraná-Produktion und dauert etwa zwanzig Tage. Die Indios bezeichnen dieses Ritual als „die Hand in den Handschuh stecken“ – auch als „Fest der Tucandeira“ unter den regionalen Bewohnern bekannt. Hierbei handelt es sich um einen Teil des Initiations-Ritus – die Jungen werden zu Männern geweiht – ein Ritual von großer Bedeutung für die Sateré-Mawé – mit Gesängen, die von Arbeit, Liebe und Krieg erzählen.

Die Bezeichnung Tucandeira (Paraponera clavata) wird im Volksmund auf diverse Spezies von Ameisen der Unterfamilie Ponerineus angewandt – exklusive Fleischfresser, die sich durch ihre ungewöhnliche Größe und starke Greifzangen auszeichnen, mit denen sie ein Gift injizieren, dass ihre Opfer lähmt und beim Menschen heftige Fieberanfälle auslösen kann.

Als Mutprobe müssen die Knaben bei diesem Ritual ihre Hand in einen gewebten Fausthandschuh stecken – er ist mit schwarzem Jenipapo bemalt und mit Ara- oder Falkenfedern geschmückt – in dem dann einige Dutzend Tucandeiras über die nackte Hand herfallen – Schmerzensschreie sind nicht erlaubt.

 

Preise und Reisedetails

Geheimnisse des Amazonas: Die Sateré-Mawé am Rio Marau
Dauer
9 Tage / 8 Nächte
Gruppengröße
mindestens 2, maximal 4 Teilnehmer
Beste Reisezeit
Juni – November
Die Tour wird ganzjährig durchgeführt
Preise
2 Teilnehmer 5.200,- US$ p. P.
3 Teilnehmer 4.250,- US$ p. P.
4 Teilnehmer 3.850,- US$ p. P.

Suchen Sie eine besondere Reise?

Das Wetter aktuell in Manaus

Sonnig

22°C

Manaus, AM

Sonnig

Feuchtigkeit: 83%

Wind: 35.40 km/h

  • 28 Jun 2017

    Sonnig 22°C 21°C

  • 29 Jun 2017

    Breezy 22°C 21°C

Reiseprogramme, die Sie ebenfalls interessieren könnten:

Übereinstimmungen: Aktivurlaub Amazonas Regenwald Indigene Kultur Manaus

Abenteuer im tiefen Urwald des Nationalparks Jaú

Amazonien - Reise in eine endlose Welt aus Wasser und Wald, zum Schwimmen mit rosa Flussdelfinen, im Kanu zu Ureinwohnern, zu fremdartiger Flora und Fauna.

Übereinstimmungen: Amazonas Regenwald Indigene Kultur Kultur & Natur Manaus

Amazonien: Ein erster intensiver Kontakt

Im Kanu lautlos durch Urwälder gleiten, Kaiman, Faultier, Riesenotter und Anakonda aufspüren, Indios und Cabóclos besuchen und Piranhas zu Abend essen.

Übereinstimmungen: Aktivurlaub Amazonas Regenwald Kultur & Natur Manaus

Die einsamen Wächter Amazoniens

Eine Expedition ins ungezähmte Amazonien, zu den Yanomami und dem höchsten Berg Brasiliens, dem Pico da Neblina. Abenteuer und  Herausforderung zugleich.

Übereinstimmungen: Aktivurlaub Amazonas Regenwald Indigene Kultur Kultur & Natur

Die Reise Ihres Lebens!

Abseits aller bekannten Routen, von der Urwaldmetropole Manaus bis in den hintersten Winkel Nordamazoniens, befahren Sie auf 1.000 km 10 große Amazonasflüsse. Sie entdecken verwunschene Wasserfälle und versteckte Urwaldlagunen, tauschen sich aus mit vom Fluss und Wald lebenden Caboclos und lernen Traditionen, Mythen und Realitäten der Ureinwohner kennen.